Unantastbar, stark und erhaben - Der
Weg des Einzelgängers
Ich muss dir sicherlich nicht
eigens erläutern, dass der Besitz von Selbstbewusstsein
nicht damit zusammen hängt, ob du ein Einzelgänger oder
ein Diplomat bist (siehe
"Erkenne dich selbst"). Jeder Typus kann mit sich
ins Reine kommen, aber darum geht es hier nicht. Hier geht es
vielmehr darum, sich die Einstellungen anzueignen, die einen
hart genug machen, um sich gegen den eisigen Nordwind zu
stemmen, der bisweilen große Stärke besitzt.
Geh' in einer ruhigen Stunde in dich und
sinniere darüber, wie sehr dein Leben von der Gesellschaft
geprägt ist. Noch einmal, das ist nicht schlimm. Es ist ein
neutraler Fakt. Du kannst den vielen Imperativen nicht
entfliehen, welche man dir von klein auf um die Ohren prügelt –
außer du bist stark genug, dich dagegen zu erheben.
Freiheit hat viele Gesichter. Für den einen
das grinsende Konterfei eines Hartz-4-Lebens, für den anderen
verkörpert ein Dasein als Bootsverleiher in Südfrankreich den
heiligen Gral. Von mir aus darfst du auch als Vagabund durch
die Lande ziehen, obwohl deine Intelligenz bis in den Himmel
reicht und du mit einem Quäntchen Cleverness der nächste
Präsident sein könntest.
Fakt ist, es gibt ein System. Und ebenso
gibt es Menschen, die dieses System ablehnen. Wer das tut,
kehrt der Masse den Rücken und wandelt abseits der
breitgetretenen Pfade, um seine eigenen Spuren zu
hinterlassen.
Doch auch wenn der Wunsch dazu in einem
schlummert, so muss man den eigenen Weg immer noch gehen. Und
zwar den ganzen Zweiflern zum Trotz. Dazu benötigt man ein
großes Maß an innerer Stärke und Sicherheit. Selbstbewusstsein
bis zum Exzess!
Du bist die Konstante in einer Welt der
Variablen
Wenn du versuchst, es den Leuten recht zu
machen, bist du eine Variable, denn dein ganzes Umfeld besteht
aus Individuen. Um zu gefallen und den maximalen Nutzen aus
jedem menschlichen Kontakt herauszuziehen musst du folglich
viele Masken tragen, denn nicht jede Facette deiner
Persönlichkeit ist dir zum Vollenden deiner Mission immer
dienlich. Du musst die Analyse anderer Menschen zur Kunst
erheben und ein Meister darin werden, damit du weißt, welche
Maske wann zur Anwendung kommen muss. Du musst mit
mathematischer Präzision wissen, welche Teile deiner
Persönlichkeit du verbergen und welche du zur Schau stellen
sollst, um den heiß begehrten Effekt zu erzielen.
Ein Mensch allerdings, welcher nicht
gefallen will, ein Einzelgängertyp eben, der befindet sich in
einer gänzlich anders gearteten Lage. Soll heißen er hat den
Vorteil, seine Persönlichkeit unverfälscht und direkt zum
Ausdruck bringen zu können. Dass das vielen nicht passt, ist
selbstverständlich und es dürfte dir nach einem kleinen
Vergleich wie Schuppen von den Augen fallen:
Nehmen wir an, wir wollen viel Kohle mit
einem Produkt scheffeln. In diese Lage kannst du dich
sicherlich äußerst leicht versetzen. Verticken wir lieber
Schildkrötenpenissalat oder Klopapier?
RRRRRRRRichtig. Klopapier. Jeder Mensch muss
scheißen. Und beinahe jeder braucht danach Klopapier.
Schildkrötenpenisse will sich kaum einer in den Mund schieben.
So ist das Leben. Je spezieller du bist, desto kleiner ist
deine Zielgruppe. Je vielfältiger deine Einsatzmöglichkeiten,
je variabler dein Wesen, desto größer dein sozialer Absatz.
Allerdings kann es einem ganz schön auf den
Wecker fallen, immer zu analysieren und zu taktieren. Es ist
ein Genuss, einfach mal den Arsch raushängen zu lassen und
seine wahren Gedanken zu verraten. Es ist ein Genuss, seiner
eigenen Art freien Lauf zu lassen. Eine Konstante zu sein
bedeutet, sich nicht zu verbiegen, sich nicht anzupassen,
sondern sein eigenes Ding knallhart durchzuziehen. Das Spektrum
reicht dabei von kleinen Dingen bis hin zu wahrhaftigen
Brocken. Vom Entschluss, selbst gestrickte Pullover zu tragen
über das Outing eines Schwulen bist hin zum Geständnis, dass
man auf Nekrophilenpornos abfährt.
Obwohl ein Diplomat flächendeckender
ankommt, hat der Einzelgänger intensivere Freundschaften, denn
wer ihn mag, mag wirklich IHN und nicht ein Bild, das er von
sich selbst erschaffen hat und herumzeigt.
Ehrlichkeit und Direktheit
Lügen ist anstrengend. Wer lügt, muss stets
aufpassen, nicht ertappt zu werden. Wer lügt, kann sich besser
verkaufen, muss die Lüge dann jedoch leben.
Ehrlichkeit und Direktheit bringen viel
Freiheit mit sich, sind jedoch verpönt. Man erwartet praktisch
von uns, dass wir lügen. Nein, du bist nicht fett. Nein, mir
schmeckt das Essen. Ich wollte ja kommen, aber ich hatte einen
wichtigen Termin.
Erkennst du dich selbst? Kein Problem, das
sind kleine Lügen. Aber ob klein oder groß, es spielt keine
Rolle, denn die Wurzel allen Übels sind die Motive, welche uns
zur Lüge als Ausweg greifen lassen: Falschheit, Angst, falsch
verstandene Höflichkeit.
Selbstverständlich muss jeder selbst
bestimmen, welches Maß an Ehrlichkeit er walten lassen will.
Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind sehr simple Wege, ein Leben
zu führen, weil man sich viel direkter ausleben kann, als wenn
man auf den verschlungenen Pfaden der Diplomatie wandelt.
Aufgrund unserer komplexen Natur befinden sich die Kräfte des
Einzelgängers und des Diplomaten stets im Widerstreit, woraus
auch die Notwendigkeit geboren wird, sich Gedanken darüber zu
machen, was man denn eigentlich will. Manchmal lügt man,
manchmal nicht. Notlügen mögen gnädig sein, können aber auch
nur eine Art sein, die eigene Feigheit zu kaschieren und
unangenehmen, jedoch reinigenden Konfrontationen aus dem Weg zu
gehen.
Eines ist aber sicher: Ehrlichkeit verlangt
Mut. Nichts kommt dem Adrenalinrausch gleich, der einen über
den Haufen wirft, wenn man die Wahrheit sagt, obwohl man sich
davor fürchtet.
Copyright: Text: Alexander
Heinz, Tobias Weddinger
Foto:
flickr.com/photos/redbanshee |
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